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... in der Krise I
Meine ruft Mutter an. Was sie mit dem Geld machen solle, das ich vor einem halben Jahr mit ihr bei der Kaupting-Bank auf ein Tagegeldkonto gelegt habe. Ich sage ihr, dass ich das nicht weiß. Aber immerhin sei eine isländische Bank ja keine indische. Außerdem seien dort doch Einlagen bis 20.000 Euro sicher. So stand damals zumindest im Vertrag.

Die Besitzerin unseres Gemüseladens klagt, die Geschäfte gingen schlecht, sie rutsche immer weiter ins Minus, seit etwa einem Jahr bleiben die Kunden weg. Ich witzele, ob es an der Finanzkrise liege. Sie sagt, das wisse sie nicht, aber irgendwas gehe da vor, auch der Bäcker in der Straße klage. Wenn das so weitergeht, müsse sie den Laden schließen.
 
... in der Pressestadt
Mit einem lieben Kollegen vom "Stern" auf einen Cafe bei Gruner+Jahr. Da die Familie dabei ist, verbringen wir noch ein wenig Zeit nebenan auf dem Spielplatz. Plötzlich versammelt sich eine Traube junger Menschen vor dem Gruner-Gebäude. Für eine Reisegruppe sind sie zu gut angezogen. Sie tragen Designerbrillen und modisch-graue Strickjacken. Unschlüssig stehen sie herum, kichern. Plötzlich fährt zur Freude unseres Sohns ein Löschzug der Feuerwehr vor. Und wir erfahren: in der Redaktion von "Gala" gab's Feueralarm. Ich hab's immer geahnt: Die "Gala" ist halt ein heißes Blatt.
 
... in Istanbul

 

Die Fahnen bleiben erst mal eingerollt. Zur Halbzeit ist es fast totenstill auf dem Taksim-Platz. Viele enttäuschte Fans ziehen auf der Istiklal Caddesi, die Einkaufsmeile nach Hause. Noch immer null zu null, die türkische Nationalmannschaft spielt im EM-Viertelfinale lustlos gegen die überlegenen Kroaten. Nach dem ersten Tor der Kroaten glaubt auch in der Bierhalle, in der wir einen Platz finden, kaum mehr einer an den Sieg. Einer sagt: Dabei würden wir so gerne nächsten Mittwoch gegen Euch gewinnen“. Dann fällt in der letzten Minute der Ausgleich. Männer und Frauen stehen auf den Bänken. Sie rufen: „Türkije, Türkije“. Meinem Freund fällt ein, dass das der polyglotte Heribert Fassbender vor Jahren für die Fernsehzuschauer souverän mit „Türkei, Türkei“ übersetzt hat.

Wieder haben die Türken ein Spiel in der letzten Minute gedreht, jetzt trauen ihnen die Fans alles zu. Das Elfmeterschießen verlieren die gebrochenen Kroaten fast widerstandslos. Auf der Istiklal Caddesie herrscht jetzt eine Stimmung wie beim Kölner Karneval. Überall Fahnen mit dem roten Halbmond. Auf dem Taksim-Platz gröhlen die übersteuerten Lautsprecher Fangesänge und die Menge tanzt. Dieser Fußballabend spiegelt die ganze Achterbahnfahrt, den die türkische Volksseele regelmäßig erfährt.

 
... in Weil am Rhein

Auf dem Gelände des Design-Möbel-Firma Vitra präsentiert Michael Schindhelm seine Vision des künftigen Kulturlebens in Dubai. Modelle eines riesigen Opernhaus entworfen von Zaha Hadid. Ein Mehrzweckpavilllion am Creek, nach Plänen von Rem Kolhaas. Daneben hängen Fotos vom Leben in den Vereinigten Arabischen Emiraten auf Stoff gedruckt wie an Handtuchhaltern.

Kulturvolk, von der Art Basel rübergeshuttlet, nippt am Weißwein. Frauen in weißen Stiefeln und Baskenmütze. Männer die mühelos beim Bertold Brecht Look-A-Like-Wettbewerb antreten könnten oder bunt karierte Jacketts tragen.

Schindhelm zuletzt Chef der Opernstiftung in Berlin jetzt Kulturbotschafter des Wüstenemirats, steht im dezenten Sommeranzug dazwischen. Er ist seit 15 Monaten am Golf und macht einen leicht ernüchterten Eindruck. Zwar wurde, da wo es bisher nur um Business ging, gerade ein Kulturministerium aus dem sandigen Boden gestampft. Aber, sagt Schindhelm, man habe eben wenig direkten Einfluss in einer Boom-City, in der wenige Köpfe im Moment so vieles Entscheiden.

Die Vernissage während der Art Basel habe auch eine wichtige Signalwirkung nach Innen, sagt Schindhelm. Die emiratischen Herrscher sollen sehen, wie Kultur in Dubai von der europäischen Szene wahrgenommen werden. Wird sie denn an diesem Abend wahrgenommen? Wein und Catering waren vom Feinsten. Das Kulturvolk steigt spät in der Nacht befriedigt in die Shuttlebusse.

 
... in der Residenz des Rechts

Die Dönerbude meines Vertrauens liegt direkt gegenüber der schmucken Festung der Generalbundesanwaltschaft. Ich habe keine Ahnung, ob sie Gammelfleisch verarbeiten. Ich weiß auch nicht, wie es um die hygienischen Verhältnisse in der Küche bestellt ist. Wichtig ist, Yufka und Döner schmecken gut.

Noch wichtiger in diesen Zeiten ist: Das Mahl ist auch terrorismustechnisch völlig unbedenklich. Denn erst vor ein paar Tagen stand ich mit einem der Bundesanwälte in der Schlange. Er orderte Döner in größeren Mengen. Ich bin beruhigt: Dort, wo die Generalbundesanwaltschaft kauft, unterstützt man weder PKK noch Al Qaida. Einmal Yufka mit alles, bitte.

 
... in Dubai

Wir fahren mit einem der Taxen mit rotem Dach in Richtung Ras Al Kheima. Fahrer Ali erzählt von den Vorteilen gegenüber seiner Heimat Pakistan: "Dubai ist gut. Hier gibt es wenig Korruption, ich habe Arbeit, darf Bier trinken und mit meinen Freundinnen schlafen." Wie viele Freundinnen hast Du denn, Ali? "Drei oder vier. Wenn Du verheiratet bist, ist Dein Leben zu Ende."

In Pakistan habe er einmal die Polizei bezahlen müssen, damit sie sein gestohlenes Auto sucht, erzählt er. Dann habe er den Officer nochmal bezahlen müssen, damit sie es wieder an ihn zurück geben. In Pakistan gibt es viele Probleme sagt Ali. Nur das Haschisch vermißt er. Drogen sind streng verboten in Dubai. So hat er wenigstens etwas auf das er sich freuen kann, wenn er seine Freunde in Pakistan besucht: den ersten Joint.

 
... in Stuttgart

Autotestfahrt mit dem neuen Porsche Cayenne für die FTD. Schönes Auto, großes Auto. Auf der Suche nach einem Parkplatz im Stuttgarter Einkaufsgetümmel verirren wir uns derweil im Rotlichtviertel. In Stuttgart gar nicht so einfach, besteht die örtliche Sündenmeile doch nur aus einer kurzen Sackgassee. Die Damen am Straßenrand schauen unserer weißen Luxuslimousine hinterher und denken wohl: „Ah, der Chef hat ein neues Auto“.Um weitere Verwechslungen zu vermeiden zwängen wir uns lieber in die Tiefgarage am Schillerpark.

 
... in der Tagesklinik
Ein älterer Herr neben mir ist gerade von seiner Narkose erwacht. man wollte untersuchen, ob er Prostata-Krebs hat. Eine junge Ärztin kommt ins Zimmer mit einer Infusion in der Hand und sagt: "So Herr Treichel, hier ihre Chemotherapie". Der Mann ist geschockt und sagt schüchtern, dass er nicht Herr Treichel ist. Die Ärztin wird unsicher. "Ach ist das hier nicht Zimmer Zwei?" Dann verläßt sie wieder das Zimmer.
 
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