Sein Bein geben und nie mehr arbeiten müssen. Zwei junge Männer ein irrwitziger Plan und eine Kettensäge.
Es ist dieses Geräusch, das Christian manchmal fast verrückt macht. Immer, wenn der Winter kommt und die Äste der Apfelbäume gestutzt werden, ist das Geräusch überall im Meraner Becken zu hören. Wenn der Anlasser gezogen wird und der Zweitaktmotor schnell auf Touren kommt, klingt das wie bei einem alten Mofa. Erst wenn man mit dem signalroten Hebel am Griff Gas gibt und das Sägeblatt anfängt sich durch das Holz zu fressen, ist das Kreischen weit zu hören. Dieses
Kreischen. Es klingt Christian Kleon in den Ohren.
Carabinieri finden am 29. November direkt neben der Auffahrt Marling an der Schnellstraße Meran-Bozen eine Leiche. Ein Durchreisender hatte den Mann an diesem nasskalten Morgen ausgestreckt zwischen den Apfelbäumen entdeckt. Er hat eine kleine Verletzung im Gesicht und eine große klaffende Wunde am linken Bein knapp oberhalb des Knies. Der Stoff der grauen Jeans ist dick mit Blut durchtränkt. In der Hand hält der Tote noch ein Handy. Die letzte gewählte Nummer: 113, der Notruf.
Staatsanwalt Guido Rispoli hat Bereitschaft an diesem Morgen. Er fährt zum Tatort, die Stelle kennt er: Vor kurzem war hier die halbverweste Leiche eines jungen Selbstmörders gefunden worden. Viele, die sie hier in der Gegend finden, haben sich selbst umgebracht. Schon haben sich Wissenschaftler mit der Frage beschäftigt, warum ausgerechnet dort, wo andere gerne Urlaub machen, so viele freiwillig aus dem Leben gehen. Der bullige junge Mann, den Rispoli an diesem morgen im Gras liegen sieht, hat sich die tödliche Wunde nicht selbst beibringen können. So viel ist sicher. Aber was ist dann passiert? Rispoli schickt die Leiche zur Obduktion ins Krankenhaus nach Bozen.
Im Tal verbreitet sich schnell das Gerücht, dass sie den Sohn vom Plack, der in Marling das „Hotel Paradies“ führt, tot in den Obstwiesen gefunden haben. Man munkelt von einem Überfall, vielleicht ist der Junge irgendwelchen Banden in die Quere gekommen. Immerhin hat der Andreas doch als Privatdetektiv gearbeitet. Wie viele Leute es wohl braucht, diesen Brocken von einem Mann zu überwältigen? Es gibt eine Menge Fragen an diesem Tag in Marling.
Auch Martha K. hat viele Fragen, als ihr Sohn Christian von der Arbeit nach Hause kommt. Christian und Andreas waren nicht nur Cousins, sie waren auch Freunde. Und gestern Abend waren sie noch zusammen unterwegs. Aber, sagt Christian, er schaut verstört aus, er wisse auch nicht was da gestern noch passiert sein könnte. Er kam ja früh nach Hause und ging sofort ins Bett.
Im Krankenhaus Bozen untersucht Dr. Eduard Egarter-Vigl die Leiche von Andreas Plack. Er ist ein erfahrener Pathologe. Nebenbei kümmert er sich um die Konservierung des Urzeitmenschen im Museum in Bozen, den alle Özi nennen. Die meisten Todesfälle, die ihm auf den Seziertisch kommen, sind Beziehungstaten: Ehestreit mit tödlichem Ausgang oder ähnliche Fälle. Für Pathologen reine Routine. Doch dieser Fall ist anders. „So etwas lockert den Pathologen-Alltag auf“, sagt Egarter-Vigl. Er röntgt das zerfetzte Bein und entdeckt einen sauberen Schnitt, sieben Millimeter breit, der den Knochen fast komplett durchtrennt hat. Womit kann sich der junge Mann auf offenem Feld eine solche Verletzung zugezogen haben? Wieder und wieder betrachtet er das Röntgenbild, bis einer seiner Helfer, der oft im Wald arbeitet, sagt: „Das sieht aus wie mit der Kettensäge gesägt.“ Egarter-Vigl ruft den Staatsanwalt an.
„Christian, du musst mir das Bein abschneiden“. Es muss drei Monate her gewesen sein, als dieser Satz zum ersten Mal fiel, abends in der Wirtschaft. Andreas nahm einen Schluck Bier und Christian verstand nichts. „Du schneidest es ab, die Versicherung zahlt und wir sind die Geldsorgen los.“ Andreas nahm noch einen Schluck und schaute Christian ins Gesicht. Andreas hatte sich einmal als Versicherungsagent versucht, daher kannte er die Quoten: 12 Prozent Invalidität für eine Hand, 50 Prozent für ein Bein unterhalb des Knies.
Sie hatten oft über Geld geredet. Was man tun könnte, um nie mehr arbeiten zu müssen. Was man halt so redet, nach dem dritten Bier. Der Andreas hatte immer mehr ausgegeben als er verdiente mit seinen Jobs. Die Wohnung in Meran mit der Petra zusammen, sein teurer Geländewagen. Deshalb hatte er auch einen Kredit aufgenommen, für den Christian bürgte. Das linke Bein tue ihm seit dem Hockey-Unfall eh ständig weh. Andreas spann seinen Plan immer weiter. Und mit den modernen Prothesen lebt es sich sowieso wie mit einem gesunden Bein. Christian schwieg und hoffte, Andreas würde nie mehr davon anfangen.
Was für ein Plan, aber wenigstens diesen einen wollte Andreas Plack zu Ende bringen. Wo doch so mancher seiner Träume vorher gescheitert war in dieser heilen Welt Südtirol. Nicht mehr Österreich, aber auch nicht richtig Italien. Die Konflikte zwischen den Volksgruppen sind ausgestanden, die Wirtschaft brummt. Seit Jahren gibt es zwischen Meran und Bozen kaum mehr Arbeitslose. Aber es ist auch eine kleine Welt, in der jeder früh seinen Platz zugewiesen bekommt. Da kann es für einen, der wenig gelernt, aber hochfliegende Träume hat, ganz schön eng werden.
Kriminalbeamter wäre Andreas Plack gerne geworden. Einer dieser schneidigen jungen Typen, die mit blankgeputzten Schuhen und arrogantem Blick über die Gänge der Bozener Staatsanwaltschaft stolzieren. Er sprach beim Oberstaatsanwalt vor, der lehnte ihn ab. Er sei zu unsportlich, sagte man dem Zweizentnermann. Andreas Plack jobbte dann als Kaufhausdetektiv und Türsteher in Bozen.
Ein paar Wochen später, wieder beim Bier, erzählte der Andreas dem Christian, dass er schon zwei Versicherungen abgeschlossen hat. Richtig gepokert hat er mit dem Versicherungsvertreter, damit eine möglichst hohe Summe raus springt. „800.000 Millionen Lire für mich und 200.000 Millionen für Dich. Das ist doch was.“ Christian K. wollte nichts davon hören. Aber Andreas drohte. Wenn du mir nicht hilfst, platzt der Kredit und du hängst mit drinnen. Außerdem würde er überall erzählen, dass er was mit der Schwester seiner Freundin Petra habe. Ein Quatsch, sie waren einmal zu viert Pizza essen gewesen, mehr war nicht. Aber Christian war es peinlich.
Christian K. lebte seit kurzem wieder bei seiner Mutter. Wenn sie ihm sagte, geh’ einkaufen, ging Christian einkaufen und wenn der Onkel beim Holzhacken Hilfe brauchte, schickte sie den Christian. Eigentlich hatte es in seinem Leben immer jemanden gegeben, der ihm sagte, was zu tun war. Er stand morgens früh auf, arbeitete bei der Müllabfuhr, schon mittags hatte er Feierabend. Christian war zufrieden damit. Einmal hatte ihn der Andreas dazu überredet, Versicherungen zu verkaufen. Aber das klappte nicht, weil er ja keiner ist, der andere gut überzeugen kann.
Diesmal kann nix schief gehen, sagt der Andreas, du musst nur tun was ich Dir sage. Am Abend des 28. November sagt Christian, zu seiner Mutter, er wäre noch mal kurz weg, auf ein Bier mit dem Andreas. Christian fährt mit seinem VW Polo über die Schnellstraße in Richtung Bozen, zur Ausfahrt des kleinen Dörfchens Gargazon. Dort wartet Andreas in seinem dunklen Rover. Christian steigt um. Hinten auf den Sitzen liegt die „Echo“, eine mittelgroße Kettensäge mit einem Zweitaktmotor. Christian hat sie einige Wochen davor für 600.000 Lire gekauft. Ein Auslaufmodell. Andreas hatte gesagt, er solle nicht so viel dafür ausgeben. Neben der Säge liegen ein Holzbeil, ein Taschenmesser und schwarze Plastiktüten. Und Schmerztabletten.
Die Beiden fahren über die Landstraße in Richtung Schnellstraße Meran – Bozen. Kurz vor der Auffahrt biegen sie rechts ab. Andreas hält vor einer rostigen Schranke. Er verletzt sich selbst mit dem Taschenmesser im Gesicht, alles soll nach einem Überfall aussehen. Dann soll ihm Christian mit dem Beil auf den Kopf schlagen. „Aber ich habe es nicht geschafft. Ich wollte das Ganze nicht mehr tun. Aber der Andreas hat gesagt, dass ich das machen müsste“, sagt er später im Verhör. „Der Andreas hat sich auf die Wiese gelegt, dann hab ich die Kettensäge angelassen. Ich weiß nicht mehr ganz genau, wie ich das Bein abgeschnitten habe. Andreas hat geschrieen. Ich habe sofort aufgehört. Ich habe ihn gefragt, ob ich die Rettung holen solle, aber er hat nur erwidert, dass ich verschwinden soll.“
Die Säge durchtrennt Arterie und Vene des linken Beins von Andreas Plack, in nur 30 Sekunden verliert er vier Liter Blut. Noch bevor er mit seinem Handy zur Notrufzentrale durchkommt, wird er ohnmächtig. In der Zentrale kommt nur ein Röcheln an.
„Wir hatten Glück“, sagt Guido Rispoli in der Prozesspause und kippelt auf dem Stuhl in seinem Büro. „Hätte K. nicht gestanden, wäre der Fall nie aufgeklärt worden.“ Der Staatsanwalt hat viele Bücher gewälzt, aber keinen zweiten Fall in der Rechtsgeschichte gefunden. „Was für ein dummer Plan“, er schüttelt den Kopf. Man könne ja noch nicht einmal genau sagen, wer hier Täter und wer Opfer ist. Für so etwas gibt es eigentlich keine Gesetze.
Derweil wartet Christian K. unten im Gerichtssaal auf sein Urteil. Er schweigt, wie er das während des ganzen Prozesses getan hat. Was soll er auch sagen? Er sei wie erstarrt, sagt sein Anwalt, ein gebrochener Mann. Wenn er ins Gefängnis müsse, würde er das wohl nicht überleben. Das sieht auch der Richter. das Urteil ist milde. Vier Jahre, wegen Tötens mit bedingtem Vorsatz. Christian Kleon kann sie im Hausarrest absitzen. Morgens arbeiten, mittags nach Hause. Eigentlich ändert sich nicht viel. Seine Mutter, die einzige Zuschauerin, hat Tränen in den Augen. Sie nimmt Christian am Arm und er tappt aus dem Saal, wie ein Schwerkranker.
Ein Reporter fragt: Fühlen sie sich jetzt besser, nach dem Urteil, Herr K.? Christian K. schaut ins Leere und murmelt: „Erst amol nicht“.
(Fotos: Annette Schreyer)